Projektbeschreibung

Das Projekt untersucht dynamische Prozesse in der slavischen Minderheitensprache Russinisch. Die grundsätzlich als ostslavisch zu bezeichnenden Varietäten des (Karpato-)Russinischen werden vorwiegend in der Ostslowakei, Südostpolen (hier vorwiegend als Lemkisch bekannt), der Karpatoukraine und in Sprachinseln im nördlichen Ungarn gesprochen. Das russinische Territorium erstreckt sich also über mehrere Staaten und wird daher durch verschiedene sprachliche und politische Grenzen geteilt. Die hierdurch erfolgende Fragmentierung des russinischen Territoriums hat zwei wichtige Konsequenzen: Einerseits werden alte Dialekträume destabilisiert; andererseits werden neue Räume in einem Prozess des grenzübergreifenden nation building konstruiert, wobei dieser Prozess nach dem Fall des Eisernen Vorhangs spürbar verstärkt wurde. 

Da das Russinische in mehreren slavischen und nichtslavischen Ländern gesprochen wird, sind verschiedene soziolinguistische Situationen zu unterscheiden. So kann das Russinische Teil einer quasi-diglossischen Konfiguration unter einer slavischen oder nichtslavischen Überdachung sein (bspw. Polen oder die Slowakei vs. Ungarn), andererseits kann es als Dialekt im Rahmen eines Standard-Dialekt-Kontinuums konzeptualisiert werden (so die traditionelle Sichtweise in der Ukraine).

Angesichts dieser Konfigurationen sollen die folgenden Fragen untersucht werden: Wie ist die aktuelle Situation des russinischen vernacular? Wie verändert sich die Minderheitensprache bzw. der Minderheitendialekt in unterschiedlichen soziolinguistischen und Kontaktkonstellationen? Welche Rolle spielen Grenzen (und unterschiedliche Staatssprachen als Überdachungen) und welche Rolle wird ihnen durch linguistisch nicht vorgebildete Sprecher des Russinischen zugeschrieben? Welche Rolle spielen strukturelle, sozio- und extralinguistische Faktoren für Sprachkontakt und Sprachwandel in diesen spezifischen Konstellationen?

Unter Anwendung von Methoden wie beispielsweise map tasks und Perzeptionsexperimenten werden wahrgenommene und tatsächliche Unterschiede der verschiedenen russinischen Varietäten analysiert; damit soll die Rolle von border effects für die Dynamik von Dialektwandel beleuchtet werden.

 Das Projekt “Russinisch als eine Staatsgrenzen überschreitende Minderheitensprache: Dynamische Prozesse” wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.